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Welt

Wie Haiti zu einem gescheiterten Staat wurde

MitarbeiterBy MitarbeiterMärz 18, 2024
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Wie Haiti zu einem gescheiterten Staat wurde

Politische Instabilität und Gewalt sind seit der Unabhängigkeit vor zweihundert Jahren allgegenwärtig auf der Insel. Ausländische Interventionen haben das Staatswesen weiter geschwächt.

Zurzeit befinden sich mehr als achtzig Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince unter der Kontrolle krimineller Banden. Sie beherrschen den Zugang zum Hafen und zum Flughafen, das zentrale Treibstoffdepot und die Ausfallstrassen aus der Millionenstadt. Auch in anderen Teilen Haitis wüten kriminelle Banden, insgesamt rund zweihundert an der Zahl. Staatliche Akteure sind in den Hintergrund getreten. Der Interimspräsident Ariel Henry ist ausser Landes und kann nicht zurückkehren, die schwach dotierten Sicherheitskräfte sind den Kriminellen hoffnungslos unterlegen. Die Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten hängt grösstenteils von internationalen Hilfsorganisationen ab.

Haiti ist ein gescheiterter Staat. Doch wie konnte es so weit kommen? Zur Erklärung muss man den Blick auf die jüngere und die fernere Vergangenheit werfen. Das Land erlangte unter besonderen Umständen vor etwa zweihundert Jahren seine Unabhängigkeit. Diese Umstände haben ein instabiles und immer wieder von schwerer Gewalt heimgesuchtes Staatswesen geschaffen. Seit der Jahrtausendwende haben interne Konflikte und Fehler der internationalen Gemeinschaft das Land schliesslich ins Chaos gestürzt.

Ein Land entstanden aus einer Sklavenrevolte

Haiti wurde 1804 nach den USA als zweite Nation in der westlichen Hemisphäre unabhängig. Es war das erste Land überhaupt, das als Resultat eines erfolgreichen Sklavenaufstandes selbständig wurde. Haiti war zu dieser Zeit die reichste französische Kolonie. Die Franzosen hatten eine Plantagenwirtschaft für die Produktion von Zucker und Kaffee eingerichtet, die von 700 000 afrikanischen Sklaven betrieben wurde – neben nur 25 000 europäischen Siedlern, die das Land bewohnten. Der Unabhängigkeitskrieg war äusserst brutal. Er forderte mehrere hunderttausend Todesopfer; nach der Staatsgründung wurden zudem fast alle verbleibenden Weissen ermordet.

Trotzdem war die Bevölkerung der neuen Nation keineswegs homogen. Tonangebend war nun eine kleine Mittel- und Oberschicht von Mischlingen und freien Schwarzen in den Städten, welche im Handel oder im Handwerk tätig waren. Sie versuchten ihre Interessen gegenüber der grossen Mehrheit der befreiten Sklaven auf dem Land durchzusetzen, welche weiterhin in Armut lebten. Diese waren aber wegen ihrer Herkunft aus unterschiedlichen Regionen Afrikas keineswegs geeint, sondern stammten aus vielen unterschiedlichen sprachlichen, kulturellen und religiösen Milieus.

Immer wieder wurden die Herrschenden in den folgenden zweihundert Jahren gewalttätig, um Interessen durchzusetzen und die Nation zusammenzuhalten. Haiti erlebte eine Abfolge von diktatorischen Regimen, Militärcoups, Bürgerkriegen und ausländischen Interventionen.

Die politische Instabilität wurde noch verstärkt durch die wirtschaftliche Krise nach der Unabhängigkeit. Die ehemaligen Sklaven wollten nicht als Lohnarbeiter auf den Plantagen weiterarbeiten, sondern drängten auf Aufteilung des Agrarlandes in individuelle Parzellen und pflanzten darauf vor allem für den Eigenbedarf. Deshalb brach die Exportwirtschaft zusammen. Ausserdem musste sich die neue Nation hoch verschulden. Als Bedingung für die Anerkennung Haitis verlangte Frankreich 1825 eine Entschädigung in der Höhe von 280 Prozent des damaligen Bruttoinlandproduktes der ehemaligen Kolonie. Das Land musste riesige Kredite zu schlechten Konditionen aufnehmen, welche es erst 1947 ganz zurückzahlen konnte.

1915 führten anarchistische Zustände in Haiti und imperialistische Pläne der USA zur Besetzung des Landes durch amerikanische Truppen. Washington richtete ein Protektorat ein, das bis 1934 dauerte. Von 1957 bis 1986 beherrschten François Duvalier und sein Sohn das Land mit einem Terrorregime. Mit einer von ihnen organisierten Privatmiliz, den Tonton Macoutes, schafften sie ihre politischen Gegner aus der Welt.

Der Sturz der Diktatur bringt keine Stabilität

Ein Volksaufstand und Druck aus den USA beendeten 1986 die brutale Duvalier-Diktatur. Das Land trat damit aber in eine neue Phase der politischen Instabilität ein, die zur gegenwärtigen Anarchie führte. Bei demokratischen Wahlen wurde 1990 der Armenpriester Jean-Bertrand Aristide mit 67 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Er war der erste Politiker seit der Unabhängigkeit, der eine Massenbewegung bestehend aus der verarmten ländlichen Bevölkerung und den Bewohnern der Slums um die Hauptstadt bilden konnte.

Nach wenigen Monaten zwang ihn aber ein Militärputsch ins Exil. Seine Reformpläne waren nicht im Interesse der traditionellen Elite. Doch 1994 wurde Aristide durch eine Militärintervention der USA wieder ins Amt eingesetzt und konnte seine Regierungszeit beenden.

Eine unmittelbare Wiederwahl war nicht möglich, aber im Jahr 2000 wurde Aristide erneut zum Präsidenten gewählt, wobei die Opposition die Wahl diesmal boykottierte. Seine neue Amtszeit stand bereits früh unter dem Stern von Korruption und Misswirtschaft. Im Landesinnern formierte sich Widerstand, unter anderem von bewaffneten Anhängern Duvaliers. Nach bürgerkriegsähnlichen Unruhen intervenierten Frankreich und die USA 2004 und flogen Aristide ins Exil.

Angesichts von zunehmender politischer Gewalt und Kriminalität sandte die Uno kurz darauf eine Stabilisierungsmission nach Haiti. Blauhelme sollten eine neue Polizei aufbauen, die Justiz stärken und für geordnete Wahlen sorgen. Als Haiti 2010 von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde, waren sie zudem für humanitäre Hilfe und den Wiederaufbau verantwortlich. Das Beben forderte 200 000 bis 300 000 Todesopfer und zwang 1,5 Millionen Menschen in die Obdachlosigkeit.

Die Uno-Mission erreicht ihre Ziele nicht

Statt zu einer Stabilisierung trug die Uno-Mission nach Ansicht vieler Beobachter zu einer weiteren Schwächung des haitianischen Staates bei. Um die Mission 2017 endlich beenden zu können, wurde die Situation von den beteiligten Staaten schöngeredet. Haiti wurde sich selbst überlassen, ohne dass die Mission ihre Ziele wirklich erreicht hatte.

Die von der Uno ausgebildeten neuen Polizeikräfte erreichten das vorgesehene Soll von 15 000 Mann bei weitem nicht. Zudem blieb ihre Ausrüstung mangelhaft. Dies war umso gravierender, als Aristide nach dem Militärputsch die Armee abgeschafft hatte und damit die neue nationale Polizei die einzige Kraft zur Sicherstellung der Ordnung war.

Die humanitäre Hilfe und der Wiederaufbau nach dem Erdbeben wurden von der Uno und den übrigen internationalen Akteuren weitgehend unter Umgehung des haitianischen Staates geleistet. Damit verlor dieser weiter an Einfluss. Die Gelegenheit wurde verpasst, die Rolle des Staates durch die Leitung des Wiederaufbaus zu stärken.

Die Uno-Mission diskreditierte sich durch verschiedene Skandale und verlor damit den Rückhalt in der Bevölkerung. Wiederholte sexuelle Übergriffe des uniformierten Personals brachten sie in Misskredit. Noch schwerer wog eine Cholera-Epidemie, die nepalesische Blauhelmsoldaten wegen fehlender Hygiene ins Land gebracht hatten. Fast ein Zehntel der Bevölkerung erkrankte, beinahe 10 000 Haitianer kamen deshalb ums Leben.

Es gelang der Uno auch nicht, ein funktionierendes Wahlsystem aufzubauen. Wegen organisatorischer Mängel und Unregelmässigkeiten scheiterte 2015 die Wahl eines neuen Präsidenten. Erst mit einem Jahr Verspätung konnte schliesslich der Unternehmer Jovenel Moïse im Februar 2017 als gewählter Präsident übernehmen. Doch seine Ermordung im Juli 2021 unter bis heute ungeklärten Umständen führte das Land endgültig ins Chaos.

Der von Moïse kurz vor seinem Tod designierte Premierminister Ariel Henry übernahm als Interimspräsident die Regierungsgeschäfte. Er hat die längst fälligen Wahlen bis heute nicht durchgeführt. Inzwischen gibt es schon seit über zwei Jahren keine gewählten Amtsträger mehr. Kriminelle Banden haben Henrys Schwäche ausgenützt und ihren Einfluss ausgedehnt. Zurzeit gibt es in Haiti keine Kraft, welche sie zurückdrängen könnte.

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