Die Rebellen lassen sich im lokalen Stadion feiern – während in der Stadt Lynchjustiz um sich greift. Derweil gibt es am Freitagabend Meldungen, die Rebellen hätten Bukavu eingenommen, die zweite grosse Stadt in Ostkongo.
«Wie soll man ohne Bargeld Essen für die Kinder kaufen?», schimpft Consolée Maombi. Sie steht mit Dutzenden anderen Menschen vor einem Geldautomaten in Goma an, während Stunden. «Die Banken sind geschlossen, die Automaten funktionieren selten», sagt Maombi.
Maombi ist eine von vielen in Goma, der grössten Stadt in Ostkongo, die in diesen Tagen schier verzweifeln. Ende Januar hat die Rebellengruppe M23, die mächtigste von mehr als hundert Milizen in Kongo-Kinshasa, die Stadt erobert; sie liess damit einen Krieg neu eskalieren, der in Ostkongo seit drei Jahrzehnten herrscht und Millionen von Menschen ihr Leben oder ihr Zuhause gekostet hat. Seit der Einnahme Gomas am 27. Januar herrscht in der Stadt Ungewissheit – und Angst.
Am Freitagabend begannen Meldungen zu kursieren, dass die M23 in Bukavu eingetroffen sei, der zweiten Millionenstadt in Ostkongo. Nicht verifizierte Videos zeigten M23-Kämpfer, die zu Fuss in die Stadt vorstiessen. Ein Lokaljournalist schrieb der NZZ auf Whatsapp, die kongolesische Armee sei aus der grössten Kaserne des Ortes geflohen. Falls die M23 auch Bukavu einnimmt, hat sie dem kongolesischen Zentralstaat Gebiete entrissen, die zusammen dreimal so gross sind wie die Schweiz.
In Goma, knapp 200 Kilometer weiter nördlich, haben Consolée Maombi und ihre drei Kinder die Kämpfe um die Stadt vor zweieinhalb Wochen miterlebt. «Wir lagen am Boden und haben gebetet, dass uns keine Kugel trifft», sagt die alleinerziehende Mutter. 3000 Menschen sind während der Gefechte getötet worden, viel mehr, als es zu Beginn hiess. Mindestens so viele wurden verletzt. Maombi lebt, aber sie weiss nicht, wie sie ihre Familie ernähren soll – zumal die Lebensmittel viel teurer sind als zuvor. Maombi heisst eigentlich anders. Ihr Name sowie die Namen der anderen Einwohner Gomas, die hier zu Wort kommen, wurden aus Sicherheitsgründen geändert.
Eigentlich versuchen die Rebellen seit der Einnahme von Goma zu beweisen, dass sie besser regieren als zuvor der kongolesische Staat. Corneille Nangaa, ihr politischer Anführer, empfängt in Goma Journalisten, erzählt ihnen, man habe dafür gesorgt, dass es wieder Wasser, Elektrizität und Mobilfunk gebe. Er spricht, als ob die M23-Rebellen Entwicklungshelfer wären, die nun anstelle des unfähigen Staats übernommen haben.
Doch die Situation ist nicht so, wie Nangaa und die M23 sie darstellen. Da sind die vielen Toten. Und humanitäre Organisationen melden, die Spitäler seien völlig überfüllt. Manche schrecklichen Vorgänge werden erst mit Verzögerung bekannt. Etwa, dass während der Gefechte Dutzende von Insassinnen eines Gefängnisses von männlichen Häftlingen vergewaltigt wurden, die sich Zugang zum Frauentrakt verschafft hatten. Im Anschluss brach ein Feuer aus. 160 weibliche Insassen verbrannten, 4000 andere Häftlinge brachen aus.
Unicef, das Kinderhilfswerk der Uno, hat am Donnerstag bekanntgegeben, die lokalen Gesundheitsbehörden hätten im Zeitraum der Kämpfe 572 Fälle von Vergewaltigungen registriert. Bei 170 Fällen handelte es sich um Kinder. Es sei unklar, ob für die sexuelle Gewalt vor allem M23-Kämpfer oder Regierungstruppen verantwortlich seien. Der Ruf der kongolesischen Regierungsarmee ist nicht viel besser als der einer Rebellengruppe, sie gilt als korrupt und undiszipliniert.
«Um 22 Uhr gehen die Schüsse los»
In Goma ist die Sicherheitslage trotz der Propaganda der M23 noch immer prekär. In der Nacht fallen in vielen Stadtteilen Schüsse. «Man kann die Uhr danach stellen. Um 22 Uhr geht es los», sagt Jeanne Ngoy. Sie arbeitet für eine Bürgerrechtsorganisation. Es sei unklar, was los sei, sagt die junge Frau. Es könnte die M23 sein, die versprengte Soldaten der Armee jagt. Es könnten aber auch Banditen sein. Viele Kriminelle benutzen nun Waffen, die Regierungssoldaten und rumänische Söldner zurückgelassen haben. Diese waren bei der Einnahme der Stadt geflohen.
Die M23 behauptet, sie wolle die Bewohner Gomas schützen. Die Rebellen haben sogar eine Notfallnummer eingerichtet. «Als ein Nachbar überfallen wurde, habe ich angerufen. Es ist aber niemand zu Hilfe gekommen», erzählt Michel Ilunga, ein Bewohner der Stadt. Die Militärs der M23 würden Goma kaum kennen und daher die Orte des Geschehens nicht finden, sagt Ilunga. Ausserdem sei die M23 mit den vielen Verbrechen überfordert. Eine Polizei gibt es im Moment nicht.
Die Bürger greifen deshalb zur Lynchjustiz. Innerhalb einer Woche wurden mehr als zehn angebliche Diebe getötet. Die Abwesenheit einer Ordnungsmacht nutzen manche in Goma zudem, um alte Rechnungen zu begleichen. «Es gibt gezielte Tötungen», sagt ein Sicherheitsexperte.
Die Rebellen lassen sich im Stadion feiern
Eine Woche nachdem die M23 die Stadt eingenommen hatte, liessen sich ihre Anführer im Stadion feiern. Die Rebellen setzten eine eigene Provinzregierung und einen Bürgermeister für Goma ein. Sie versprachen den Kongolesen alles, worauf sie schon seit langem warten: Strom, Wasser, Internet, ein Ende der Korruption – und vor allem Sicherheit. Die Menge jubelte.
Allerdings war der Jubel mindestens zum Teil verordnet. Jede Strasse in Goma hat einen Aufseher, Chef d’Avenue genannt. Diese Aufseher hatten die Bürger aufgefordert, an der Triumphveranstaltung teilzunehmen. «In manchen Vierteln sind sie von Haus zu Haus gegangen und haben kontrolliert, ob die Erwachsenen daheimgeblieben sind, statt ins Stadion zu gehen», erzählt die Bürgerrechtlerin Jeanne Ngoy.
Die M23 soll in Goma auch Zwangsrekrutierungen vornehmen. Das hat den Rebellen schon früher unter anderem die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vorgeworfen. Ein Bruder von Jeanne Ngoy sagt: «Ich jogge nicht mehr auf dem Sportplatz, sonst ziehen sie mich vielleicht ein.»
Nicht nur junge Männer verstecken sich, auch Aktivisten, die sich kritisch über Rwanda geäussert haben. Rwanda ist ein zentraler Akteur während der Wirren in Ostkongo. Die M23 ist eine Art verlängerter militärischer Arm des kleinen Nachbarlandes in Kongo-Kinshasa. Rwanda unterstützt die Rebellen mit Geld und Waffen, zudem halten sich mehrere tausend rwandische Soldaten in Kongo-Kinshasa auf, um die M23 zu unterstützen. Rwanda wirft der kongolesischen Regierung vor, eine Rebellengruppe zu unterstützen, die die Regierung Rwandas stürzen will.
In Goma kontrollieren M23-Kämpfer nun manchmal Inhalte auf Telefonen. Entdecken sie kritische Bilder oder Nachrichten, bedrohen sie die Besitzer der Telefone. Ein Lehrer sagt: «Wir haben unsere Meinungsfreiheit verloren.»
M23 schickt Kriegsvertriebene nach Hause
Auch andernorts dulden die Rebellen keine Widerrede. Die M23 hat Hunderttausende von Kriegsvertriebenen, die sich in den vergangenen Jahren in Camps um Goma niedergelassen haben, angewiesen, in ihre Dörfer zurückzukehren. Diese seien nun sicher, behauptet die Miliz.
Tatsächlich wird in der Region weiter gekämpft. Seit der Einnahme von Goma ist die M23 immer weiter nach Süden vorgerückt. Am Freitag gab es zuerst Meldungen, die Rebellen hätten den Flughafen von Bukavu eingenommen, der rund 20 Kilometer nördlich der Stadt liegt. Am Nachmittag erreichte die M23 offenbar bereits die Stadt. Bukavu liegt wie Goma am Ufer des Kivusees, eines der grossen Seen Afrikas. Die Stadt hat etwas mehr als eine Million Einwohner, sie ist die Hauptstadt der Provinz Süd-Kivu.
Ein Bewohner von Bukavu sagte der NZZ am Abend am Telefon, die Stadt sei an die Rebellen gefallen, die Armee habe sich zurückgezogen. Man höre einzelne Gewehrsalven, aber grössere Gefechte fänden keine statt.
Falls die M23 Bukavu tatsächlich eingenommen hat, erreicht der Krieg die nächste Eskalationsstufe. Viele fürchten, dass ein internationaler Konflikt droht – in Kongo kämpfen neben rwandischen Soldaten unter anderem auch Truppen aus Uganda, Burundi und Südafrika. Die M23 hatte eigentlich vergangene Woche noch eine Waffenruhe verhängt, diese aber bald wieder gebrochen.
Diplomatische Bemühungen, den Krieg zu stoppen, sind bisher erfolglos geblieben – und rücken nun in noch weitere Ferne. Ein Krisengipfel afrikanischer Staatschefs in der tansanischen Küstenstadt Dar es Salaam endete am vergangenen Wochenende mit der Aufforderung an die Kriegsparteien, innerhalb von fünf Tagen Friedensverhandlungen aufzunehmen. Dies ist nicht geschehen.







