Venezuelas Regime unterstützt die kolumbianische Guerilla und heizt den blutigen Konflikt an. Der Friedensplan von Präsident Petro ist gescheitert.
Am 16. Januar griffen Guerilleros der Nationalen Befreiungsarmee Kolumbiens (ELN) ohne Vorwarnung Dörfer in der Region Catatumbo an der Grenze zu Venezuela im Norden des Landes an. Die Guerilleros waren auf der Suche nach Dissidenten der ehemaligen Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc). Ihre Kämpfer durchkämmten systematisch Dörfer und töteten mindestens 100 Menschen – möglicherweise waren es sogar weit mehr.
Catatumbo – etwas grösser als die halbe Schweiz – ist dünn besiedelt und kaum erschlossen. Seit langem liefern sich verschiedene kriminelle Gruppen blutige Auseinandersetzungen um die Kontrolle des Gebiets. Doch mit dem Grossangriff des ELN hat der Konflikt eine neue Dimension erreicht.
Viele Kolumbianer erinnern die Ereignisse in der Grenzregion an den früheren bewaffneten Konflikt in Kolumbien, der ein halbes Jahrhundert dauerte und seit den 1960er Jahren mehr als 200 000 Todesopfer forderte und Millionen von Menschen zu Binnenvertriebenen machte.
Es gab lange keine Massaker mehr – das ist nun vorbei
Mit dem Friedensabkommen zwischen den Farc und der Regierung im Jahr 2016 hofften viele auf einen dauerhaften Frieden. Doch mit den Greueltaten von Catatumbo sind diese Hoffnungen zunichtegemacht. «Es gab lange keine Massaker mehr», sagt der ehemalige Friedensunterhändler und bis vor kurzem als Senator tätige Humberto de la Calle, «das ist vorbei. Die Zahlen sind erschreckend.»
Inzwischen sind schätzungsweise bis zu 80 000 Menschen aus der Region in die Grenzstadt Cucutá geflohen. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand und schickte Militär in die Region. Präsident Gustavo Petro sagte an die Adresse des ELN: «Wenn sie den Krieg wollen, sollen sie ihn bekommen.»
Für Präsident Petro bedeutet der brutale Angriff des ELN das endgültige Scheitern seiner Politik des «totalen Friedens», mit der er vor zweieinhalb Jahren angetreten war, als erster linker Präsident Kolumbiens. Petro, der früher als Guerillakämpfer in der städtischen Bewegung M-19 aktiv war, hatte gehofft, als Verhandlungspartner mit dem wenig kompromissbereiten ELN weiter zu kommen als seine konservativen Vorgänger. In drei Monaten werde er eine Einigung hinbekommen, verkündete Petro vollmundig bei seinem Amtsantritt.
Die 1964 gegründete marxistische Guerilla ELN ist die älteste noch aktive Guerilla Kolumbiens mit Wurzeln in der katholischen Befreiungstheologie. Von 1982 bis 1998 wurde sie vom exkommunizierten spanischen Priester Manuel Pérez Martínez geführt. Der linksgerichtete Petro fühlte sich dem ELN bis heute politisch verbunden. Doch nun hat der Präsident die Friedensgespräche mit dem ELN ausgesetzt – wie schon einmal Ende letzten Jahres. Er wirft der Gruppe Kriegsverbrechen vor.
Eine Balkanisierung des Konfliktes findet statt
Die Region Catatumbo ist strategisch wichtig für den Drogenhandel, die Kokaproduktion sowie den Waffen- und Menschenschmuggel. Dort wird fast ein Fünftel der Kokapflanzen Kolumbiens angebaut. Nach dem Friedensabkommen und dem offiziellen Rückzug der Farc entstand dort ein Machtvakuum. Sowohl der ELN als auch Dissidenten der Farc kämpfen seitdem neben verschiedenen kriminellen Banden um die Kontrolle. «Dort hat eine Balkanisierung des Konflikts stattgefunden», sagt de la Calle. Es gehe nicht um Ideologien, sondern um Macht und Geld.
Derzeit scheint der ELN die Oberhand zu gewinnen: Er wird von der Regierung des autoritären Regimes in Venezuela unterstützt. Der ELN nutzt Venezuela seit langem als Rückzugsgebiet und Basis für seine Angriffe auf Kolumbien.
Dabei hat sich eine Interessenkoalition mit Venezuelas Diktator Nicolás Maduro herausgebildet: Zum einen diene der ELN Maduro als Bollwerk gegen mögliche Übergriffe des kolumbianischen Militärs und ausländischer Söldner, analysiert der Politologe Andrés Aponte González. Eine der ständigen Sorgen Maduros sei, dass sein Regime auf dem Landweg aus dem Westen angegriffen werden könnte.
Für das Regime in Caracas ist die Terrorgruppe ELN nicht nur ein Bollwerk gegen feindliche Invasionen, sondern auch eine wichtige Geldquelle: Die Guerilla ist zu einem mächtigen Akteur im Drogenhandel, im illegalen Bergbau und im Menschenhandel geworden. Daran sind auch einflussreiche Militärs und Spitzen des venezolanischen Regimes beteiligt. Der ELN hält auch konkurrierende Banden vom illegalen Bergbau fern oder zwingt sie, mit dem Regime zu kooperieren.
Für Aponte übernimmt der ELN zunehmend Aufgaben einer paramilitärischen Gruppe für das venezolanische Regime. Der Militärexperte José Luis Esparza vergleicht die Rolle des ELN für Venezuela gar mit der Funktion von Hamas und Hizbullah im Nahen Osten für Iran.
Der ELN hat die Zahl seiner Kämpfer verdreifacht
Die Guerilla hat seit dem Friedensabkommen von 2016 stark an Bedeutung gewonnen: Laut Schätzungen konnte sie ihre Mitgliederzahl seitdem auf heute 6000 Kämpfer verdreifachen. Aponte glaubt, dass die Bedeutung des ELN als destabilisierender Faktor in Kolumbien und als mächtiger Akteur der illegalen Ökonomie in Venezuela weiter zunehmen wird.
Der ELN scheint gespalten: Die alte Führungsriege um die Kommandanten Pablo Beltrán und Antonio Garcia hat immer weniger das Sagen. Beltrán, der seit 20 Jahren die Verhandlungen mit der kolumbianischen Regierung führt, ist über 70 Jahre alt und lebt zwischen Caracas und Havanna. Die militärische Führung hat inzwischen Pablito Arauca übernommen, wie er unter seinem Decknamen genannt wird.
Der 57-Jährige führt den ELN von Venezuela aus. Kolumbien hat ein Kopfgeld von einer Million Dollar auf ihn ausgesetzt. An einem Friedensabkommen war Pablito nie interessiert: Mit Bombenanschlägen und der Ermordung eines Bischofs untergrub er jeden Versuch, den ELN zu einem Waffenstillstand zu bewegen. 2008 wurde er in Bogotá verhaftet, konnte aber ein Jahr später in einer spektakulären Flucht während eines Gefangenentransports entkommen.
Dass die Guerilla wieder erstarken konnte, liegt auch an der Schwäche von Präsident Petro. Der linksgerichtete Präsident hat selbst seine Anhänger enttäuscht. Viele seiner vollmundigen Versprechen im Kampf gegen die Drogenbanden konnte der Präsident nicht halten. Die Förderung ländlicher Regionen ist weitgehend gescheitert. Nur ein Drittel der Bevölkerung schätzt ihn und seine Regierungspolitik. Sechzig Prozent lehnen seine Amtsführung ab.
Maduro nutzt die politische Schwäche Petros aus
In Kolumbien wird vermutet, dass Maduro den ELN zu den Massakern auf kolumbianischem Territorium ermutigt haben könnte, um Petros Schwäche zu demonstrieren. Petro hat Maduro als einer der wenigen Präsidenten Südamerikas lange die Treue gehalten. Doch nun kann Maduro Petro nicht verzeihen, dass dieser nach den gefälschten Wahlen seinen angeblichen Sieg nicht anerkennt und ihn öffentlich kritisiert. Wer sich mit Venezuela und seiner Demokratie anlege, werde Probleme bekommen, mahnte Maduro Petro kürzlich.
Auch Petros Konfrontationskurs gegenüber den USA und Israel rächt sich nun. Kolumbiens Armee ist nur noch bedingt einsatzfähig. Jahrzehntelang erhielt Kolumbien bedeutende amerikanische Militärhilfe im Kampf gegen die in den Drogenhandel involvierten Guerillagruppen. Israel war ein wichtiger Lieferant von Rüstungsgütern. Jetzt sei beispielsweise die grosse Mehrheit der Helikopter nur noch bedingt einsatzbereit, sagte Humberto de la Calle. «Wir haben immer weniger Kontrolle über weite Teile des Landes und unsere Grenzen.»









