Mit Generalmajor Michailo Drapati übernimmt einer der fähigsten Offiziere das Kommando der Ostfront. Er muss riesige Probleme lösen.
Es ist ein brutaler Jahresauftakt, den die Ukraine im Donbass erlebt. Ob in Welika Nowosilka oder in Torezk, in Tschasiw Jar oder bei Liman und Pokrowsk: Die Russen rücken langsam, aber stetig vor. Mit Welika Nowosilka haben sie letzte Woche eine wichtige Festungsstadt im Süden erobert. Die Ukrainer wurden zeitweise umzingelt und konnten sich nur unter Verlusten zurückziehen. Nun steht nördlich davon mit Torezk eine weitere Stadt kurz vor dem Fall, die seit 2014 als Bollwerk gegen Moskaus Aggression diente.
Die Bedeutung dieser Orte ist nicht nur deshalb gross, weil die Ukrainer hier seit 2014 ein System von Verteidigungsstellungen errichteten. Städte wie Torezk oder Tschasiw Jar, das die Russen inzwischen ebenfalls mehrheitlich kontrollieren, stehen auf Anhöhen und an wichtigen Verbindungsstrassen. Fallen sie, kann Moskau auch das Hinterland der Verteidiger unter Feuer nehmen und den Nachschub auf breiter Basis unterbinden. Die Donbass-Front steht so stark unter Druck wie nie zuvor in den letzten zweieinhalb Jahren. Ein Befreiungsschlag wäre für Kiew militärisch und politisch dringend nötig.
Der Kommandant des «fliegenden Schützenpanzers»
Zumindest personell hat Präsident Selenski am Sonntag einen Entscheid gefällt, den Militärexperten als erhebliche Verbesserung sehen: Er ernannte den Kommandanten des Heeres, Generalmajor Michailo Drapati, zusätzlich zum neuen Leiter des Regionalkommandos Chortizja. Dieses ist für den gesamten Frontabschnitt südlich von Charkiw bis in die Region Donezk zuständig, also praktisch den gesamten Osten.
Vom 42-jährigen Drapati, der seit über zehn Jahren praktisch durchgehend in der Armee kämpft, erhofft sich Selenski viel. Der Westukrainer wurde im Mai 2014 als Kommandant des «fliegenden Schützenpanzers» im ganzen Land bekannt: Er durchbrach damals eine Blockade von russisch unterstützten Separatisten in Mariupol, welche die örtliche Polizeiwache belagerten. Drapati und seine 72. mechanisierte Brigade trugen entscheidend dazu bei, dass die Stadt ukrainisch blieb.
Einen Monat später geriet er mit seinen Truppen während einer riskanten Operation an der Grenze zwischen der Region Luhansk und Russland in den sogenannten Kessel von Iswarine. Dort kam es zu einer der folgenreichsten ukrainischen Niederlagen der ersten Kriegsphase. Drapati führte seine Einheit allerdings als eine von wenigen aus der Umzingelung heraus. In den Jahren danach übernahm er das Kommando der 58. Brigade und bildete sich weiter. Nach der russischen Invasion 2022 kommandierte der inzwischen zum Brigadegeneral beförderte Offizier Verteidigungsoperationen in Kriwi Rih und Odessa, bevor er Anfang 2024 stellvertretender Leiter des Generalstabs wurde.
Drapati gilt als fähiger Organisator, ein Ruf, den er im Frühling 2024 weiter festigte: Er übernahm damals das Kommando über den Frontabschnitt Charkiw, wo die Verteidigung nach Russlands überraschendem Vorstoss zunächst chaotisch war. Als junger Offizier, der seine Karriere nicht guten Beziehungen, sondern primär seinen Fähigkeiten auf dem Schlachtfeld verdankt, ist Drapati bei Experten angesehen und in der Truppe populär.
Drapati setzt auf Offenheit und Reformen
Sie halten ihm auch zugute, dass er offener kommuniziert, als es in der zu Zweckoptimismus und Geheimniskrämerei neigenden ukrainischen Generalität sonst üblich ist. Als er Ende November das Oberkommando über das Heer übernahm, kündigte Drapati Reformen bei der Rekrutierung und eine praxisnahe Ausbildung an. Es dürfe keine Korruption mehr geben, und die Ausrüstung der Infanterie müsse deutlich besser werden.
Er sprach damit die zentralen Probleme an. Auch beim Skandal um die mit französischer Hilfe ausgebildete und ausgerüstete 155. Brigade redete er Klartext. Dass der kritische Militärjournalist Juri Butusow eine halboffizielle Untersuchung zu den Verfehlungen leitete und die Ergebnisse veröffentlichte, dürfte nur durch dessen enge Beziehungen zu Drapati möglich geworden sein.
Dennoch dürften sich die Ukrainer keine Illusionen darüber machen, dass die gewaltigen Probleme an der Ostfront durch einen fähigeren Kommandanten einfach verschwinden. Der Mangel an Infanterie liegt massgeblich daran, dass die Mobilisierung ohne klaren Plan verläuft, sich reichere Ukrainer freikaufen können und Soldaten in der Armee nur entlassen werden, wenn sie schwer verwundet werden. Die mangelnde Kommunikation zwischen verschiedenen Einheiten hat auch damit zu tun, dass im übergeordneten Regionalkommando Chortizja eine hohe Fluktuation ohne klare Verantwortungen herrscht. Drapati, der inzwischen einen Ruf als «Feuerlöscher» an den schwierigsten Frontabschnitten besitzt, hat somit wenig Zeit, um die Missstände zu beheben.
Zunächst soll der neue Kommandant sicherstellen, dass der Rückzug aus Welika Nowosilka nicht zu einer unkontrollierten Flucht gerät. Sollten Torezk und Tschasiw Jar weiter nördlich auch fallen, könnte sich der Vormarsch der Russen in Richtung der letzten Donbass-Bollwerke Kostjantiniwka und Kramatorsk noch beschleunigen: In der flachen Steppe gibt es ausserhalb der befestigten Städte wenig natürliche Hindernisse, und die Ukrainer taten sich bisher schwer, auf den Feldern starke Verteidigungslinien zu errichten. Auch dass die Kampfhandlungen bald auf die westlich des Donbass gelegene Region Dnipropetrowsk übergreifen, ist deshalb gut möglich.







