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Startseite » Stetig steigendes Rentenalter: Darum mucken Niederländer nicht auf, während andere Europäer Autos anzünden
Welt

Stetig steigendes Rentenalter: Darum mucken Niederländer nicht auf, während andere Europäer Autos anzünden

MitarbeiterBy MitarbeiterFebruar 18, 2025
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Stetig steigendes Rentenalter: Darum mucken Niederländer nicht auf, während andere Europäer Autos anzünden

Die europäischen Rentensysteme unterscheiden sich fundamental. Länderübergreifende Vorsorgelösungen wie die 2022 eingeführte «Europarente» sind bislang ein Debakel.

Wer gerade den 30. Geburtstag gefeiert hat, interessiert sich in der Regel mässig für die eigene Pension. Aber auch sie oder er kann auf der Website der niederländischen Sozialversicherungsanstalt ermitteln, wann der Eintritt ins Rentenalter voraussichtlich erfolgen wird: mit 69,5 Jahren, wie der Computer derzeit ausspuckt.

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Ob die Prognose tatsächlich stimmt, steht noch nicht fest. Bis ins Jahr 2064 wird sich noch viel ereignen. Klar ist: Solange nicht an der Gesetzeslage geschraubt wird, ändert sich in den Niederlanden das Rentenalter automatisch gemäss der Lebenserwartung – und diese steigt mutmasslich weiter an. Derzeit liegt der Renteneintritt bei 67 Jahren, ab 2028 bei 67,3 Jahren.

Die Erhöhung des Rentenalters und die Koppelung an die Lebenserwartung wurden schon vor über zehn Jahren beschlossen und 2024 eingeführt – ohne nennenswerten politischen Widerstand. Auch als 2023 mit dem landesweiten Wechsel vom Leistungs- zum Beitragsprimat eine überaus gewichtige Reform des Pensionskassensystems verabschiedet wurde und damit das finanzielle Risiko nunmehr bei der versicherten Person und nicht mehr beim Arbeitgeber liegt, blieb der grosse Protest aus.

Chancenloses Rentenalter 66 in der Schweiz

Schaut man sich in Europa um, ist dies alles andere als selbstverständlich: Millionen Menschen gingen 2023 in Frankreich auf die Strasse, um gegen eine vergleichsweise bescheidene Erhöhung des Rentenalters auf 64 Jahre zu protestieren. Autos wurden in Brand gesetzt, Hunderte Personen festgenommen, die Polizei war mit Riesenaufgeboten präsent. In Belgien haben letzte Woche rund 100 000 Personen gestreikt, unter anderem wegen späterer Pensionseintritte für Staatsangestellte. Auch da kam es zu Zusammenstössen mit den Ordnungskräften.

Die Schweiz kennt zwar solche Gewaltausbrüche kaum. Aber auch bei uns sind Rentenreformen, sofern sie den Arbeitnehmern etwas abverlangen, überaus unpopulär und politisch schlicht nicht mehrheitsfähig. Am gleichen Tag, als die Stimmbürger die Einführung einer 13. AHV-Rente beschlossen, lehnten sie ein System à la Niederlande – mit Referenzalter 66 und Koppelung an die Lebenserwartung – wuchtig ab. Nur gerade 25 Prozent der Bürger wollten den Wechsel.

Niederlande in Führung

Warum also geht in den Niederlanden fast problemlos, was andernorts für helle Aufregung sorgt? Die Erklärung liegt in einer Mischung aus wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren.

Die Pensionsjahre lassen sich naturgemäss besser geniessen, wenn sie finanziell genügend abgesichert sind. In dieser Hinsicht punkten die Niederlande. Sie verfügen über eines der am besten ausgebauten Rentensysteme – gemäss einer Auswertung der Beratungsgesellschaft Mercer gar über das weltweit vorteilhafteste. Pensionäre erhalten ein Einkommen, das fast mit ihrem letzten Einkommen mithalten kann. Zusätzliche Ersparnisse sind oft nicht zwingend.

Das hohe Rentenniveau ist auf ein System zurückzuführen, das Schweizerinnen und Schweizern bestens bekannt ist: ein Drei-Säulen-Modell, bestehend aus der gesetzlichen Rentenversicherung, der beruflichen Vorsorge und der privaten Vorsorge. Die erste Säule deckt etwas mehr als die Hälfte aller Pensionsleistungen ab, die zweite immer noch rund 40 Prozent. Gemäss Daten der OECD sind die Pensionskassen im Verhältnis zur Wohnbevölkerung in keinem EU-Staat auch nur annähernd so gut dotiert wie in den Niederlanden. Selbst die auf Absicherung bedachte Schweiz liegt zurück.

Arbeiten «dürfen»

Geld alleine erklärt die «Strebsamkeit» der Niederlande freilich nicht. Von allen EU-Ländern haben sie eine der geringsten Arbeitslosenquoten, die Erwerbstätigkeit von älteren Arbeitnehmern ist überdurchschnittlich hoch. Entsprechend ist die Angst geringer, in den letzten Jahren des Arbeitslebens auf dem beruflichen – und damit oftmals auch sozialen – Abstellgleis zu landen.

Auch kulturelle, calvinistisch geprägte Faktoren spielen eine Rolle: Arbeiten ist – ähnlich wie in der Schweiz – für viele Niederländer nicht nur ein «Müssen», sondern auch ein «Dürfen». Da nimmt man gerne in Kauf, noch ein, zwei Jahre anzuhängen. Nicht zuletzt haben die Gewerkschaften nicht die gleiche Macht wie in stärker industriell geprägten Volkswirtschaften. Die Sozialpartnerschaft wird kompromissbereiter gelebt.

Laut Hans van Meerten, Professor für europäisches Rentenrecht an Universitäten in Sofia und Peking, blicken die Niederlande durchaus mit Sorge auf Länder wie Frankreich, in denen Rentenerhöhungen selbst auf tiefem Niveau politisch einen schweren Stand haben. «Es ist niederländischen Bürgern verständlicherweise schwer zu erklären, warum sie möglicherweise bis über 70 Jahre arbeiten sollen, während Franzosen schon 64 Jahre als Zumutung empfinden», sagt er.

Frankreich kontaminiert andere Länder

Die europäischen Rentensysteme sind zwar nicht miteinander verflochten, indirekte Verbindungen gibt es aber durchaus. Denn wenn ein Land, wie Frankreich, auch wegen exorbitanter Sozialleistungen in finanzielle Schieflage gerät, kontaminiert dies die mit ihr eng verknüpften Wirtschaftspartner – erst recht, falls der französische Haushalt mit EU-Geldern stabilisiert werden müsste. Zudem steigt der Druck, die Pensionssysteme zwischen den Mitgliedstaaten stärker zu harmonisieren.

Bei der dritten Säule, also der privaten Altersvorsorge, gibt es bereits entsprechende Bestrebungen. 2022 haben die EU-Staaten das Pan-European Personal Pension Product (PEPP), auch «Europarente» genannt, eingeführt. Ziel ist, dass europäische Bürger über ein preiswertes, steuerlich begünstigtes und grenzüberschreitend nutzbares Finanzprodukt fürs Alter sparen können. Es ist dies ein erster Schritt zur Kapitalmarktunion, die politisch seit Jahren blockiert ist.

Das paneuropäische Vorsorgekonto sollte besonders für Arbeitnehmer, die in ihrem Erwerbsleben in verschieden (EU-)Staaten tätig sind, attraktiv sein. «Es wäre eigentlich ein sinnvoller Weg – aber er funktioniert leider überhaupt nicht», sagt van Meerten.

In der Tat ist die Realität, sieben Jahre nach dem Vorschlag der Kommission, überaus ernüchternd: Ein einziger Anbieter, ein tschechischer Fintech-Broker, bietet bislang eine solche Anlagelösung an. Das Hauptproblem ist, dass das Geschäft wegen des strikten Gebührendeckels für Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter zu wenig lukrativ ist. Zudem kennen viele Sparer das Produkt schlicht nicht – und diejenigen, die schon einmal davon gehört haben, sehen im PEPP gegenüber den etablierten, nationalen Vorsorgelösungen kaum Vorteile. Für die Niederlande mit ihrem ausgebauten Drei-Säulen-System gilt dies in besonderen Ausmass.

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