Reuters
Am späten Sonntagabend hat Israel eingewilligt, den Weg in den nördlichen Gazastreifen freizugeben. Zum ersten Mal seit 16 Monaten können Vertriebene in ihre Heimat zurückkehren. Drei Palästinenser berichten, wie sie die Waffenruhe erleben.
Moayad al-Shafie wollte einer der Ersten sein. Am Sonntagmorgen stand der Palästinenser mit den auffälligen roten Haaren schon um sechs Uhr vor dem Checkpoint am sogenannten Netzarim-Korridor, dem von den israelischen Streitkräften (IDF) kontrollierten Gebiet, das den Gazastreifen in zwei Hälften teilt. Gemeinsam mit Tausenden anderen Palästinensern wartete al-Shafie darauf, dass sich die Israeli zurückziehen und den Weg in den Norden freigeben würden – so wie es im Abkommen zwischen Israel und der Hamas vereinbart worden war. Doch nichts passierte.
Denn am Samstag war es plötzlich zu Komplikationen gekommen. Die islamistische Terrororganisation hatte zwar wie abgemacht vier weibliche Geiseln freigelassen – allerdings war Arbel Yehud nicht darunter, die laut dem Abkommen Teil der Gruppe hätte sein sollen. Israel warf der Hamas deshalb Wortbruch vor und kündigte an, die Rückkehr der Vertriebenen in den Norden vorerst nicht zu erlauben. Es schien, als könnte die Waffenruhe nach nur einer Woche schon wieder scheitern. Doch dann, am späten Sonntagabend, wurde nach hektischen Verhandlungen ein Durchbruch erzielt: Die Hamas versprach, Arbel Yehud noch diese Woche freizulassen. Im Gegenzug willigte Israel ein, die Route in den nördlichen Gazastreifen freizugeben.
Am Montagmorgen um 7 Uhr war es so weit: Die IDF zogen ab, und wenig später strömten Zehntausende Palästinenser entlang der Küstenstrasse in Richtung Norden. Zum ersten Mal seit 16 Monaten können Palästinenser wieder in jenes Gebiet zurückkehren, aus dem während des Kriegs rund eine Million Menschen vertrieben wurden.
«Ich weiss, dass ich nur Trümmer vorfinden werde»
Auch Moayad al-Shafie ist nun auf dem Weg in seine Heimatstadt Beit Lahiya, im äussersten Norden des Gazastreifens. Am Montag war er zwar nicht zu erreichen – nach wie vor ist der Empfang im Küstengebiet schlecht. In den vergangenen Tagen hatte er aber gegenüber lokalen Mitarbeitern der NZZ seine Geschichte erzählt. Der 35-jährige Buchhalter hatte mit seiner Familie bis im vergangenen Herbst in Beit Lahiya ausgeharrt. Doch im Oktober startete Israel eine neue Offensive und verhängte einen Evakuierungsbefehl über den gesamten nördlichen Gazastreifen. Daraufhin floh al-Shafie mit seiner Frau und den beiden Töchtern nach Gaza.
Während seine Familie passieren durfte, wurde er an einem Checkpoint der IDF verhaftet. Ein Bild zeigt ihn mit verbundenen Augen und gefesselten Händen – er wurde verdächtigt, der Hamas anzugehören. Während 40 Tagen sei er von den Israeli festgehalten worden, bevor sie ihn Ende Dezember im südlichen Gazastreifen freigelassen hätten, sagt al-Shafie. Die Vorwürfe hatten sich nicht erhärtet. Nun war er zwar wieder frei, aber getrennt von seiner Familie, die sich nach wie vor im Norden befand.
«Ich vermisse meine Frau und meine Töchter so sehr», sagt al-Shafie. «Seit zweieinhalb Monaten habe ich sie nicht gesehen.» Deshalb habe ihm die Nachricht über die Waffenruhe «riesige Freude» bereitet. Dennoch hat er gemischte Gefühle: Seine Frau, die nach Beginn der Waffenruhe nach Beit Lahiya zurückgekehrt sei, habe ihn darüber informiert, dass ihr Haus inzwischen zerstört sei. «Ich weiss, dass ich nur Trümmer vorfinden werde. Aber wir werden versuchen, alles wieder aufzubauen», sagt al-Shafie.
Massive Zerstörung im nördlichen Gazastreifen
So wie ihm dürfte es den meisten Rückkehrern gehen – denn im Norden des Gazastreifens ist die Zerstörung besonders umfassend. Dort nahm nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 die israelische Bodenoffensive ihren Anfang. Danach blieb das Gebiet während Monaten umkämpft, weil sich die Islamisten immer wieder neu aufstellen konnten. Heute sind laut Daten der Vereinten Nationen 69 Prozent der Gebäude im ganzen Gazastreifen zerstört oder beschädigt. Im Norden sind es mancherorts rund 80 Prozent.
Khatam al-Hassumi gehört zu jenen, die sich trotz allem weigerten, in den Süden zu fliehen, wo die sogenannte «humanitäre Zone» etwas mehr Schutz vor den Kämpfen versprach. Die 30-jährige Mutter von vier Kindern – ihren jüngsten Sohn Ibrahim gebar sie während des Krieges – stammt wie Moayad al-Shafie aus Beit Lahiya. Zuletzt hat sie aber in Gaza ausgeharrt, wie sie am Telefon erzählt. «Als die Waffenruhe verkündet wurde, kehrte ich sofort nach Beit Lahiya zurück. Doch unser Haus war unbewohnbar. In der Ruine habe ich ein Zelt aufgestellt, wo ich mit meinen Kindern wohne.» Ohne finanzielle Unterstützung sei ein Wiederaufbau des Hauses nicht möglich.
Ihre Heimatstadt gleiche einem Katastrophengebiet: «Zivilschutzteams sind immer noch dabei, verwesende Leichen aus den Trümmern zu bergen», sagt al-Hassumi. Die humanitäre Lage sei trotz grösseren Hilfslieferungen immer noch angespannt, die Preise auf den Märkten astronomisch. «Immerhin ist es besser als vor einem Jahr, als wir Blätter und Tierfutter essen und schmutziges Wasser trinken mussten.» Während der Waffenruhe sollen jeden Tag 600 Lastwagen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen gelangen, davon 300 in den Norden.
Al-Hassumi traut der Feuerpause nicht so recht. «Meine grösste Angst ist, dass der Krieg von neuem beginnt», sagt sie. Tatsächlich gilt die Waffenruhe während einer ersten Phase nur sechs Wochen lang – und bisher ist unklar, ob sich Israel und die Hamas auf eine zweite Phase einigen können. Israel hat bereits angekündigt, den Krieg wieder aufzunehmen, sollte sich die Hamas weiterhin an die Macht klammern. Auch al-Hassumi sagt: «Ich hoffe, dass die Hamas ihre Macht abgibt, so dass Frieden herrschen kann und dieser Krieg ein Ende hat.»
Wiederaufbau des Gesundheitssystems
Mit dieser Meinung ist die junge Frau nicht allein: Laut einer aktuellen Umfrage sprechen sich nur noch fünf Prozent der Menschen im Gazastreifen für eine Hamas-Regierung aus. Auch Asmaa Zuhair sagt: «Es ist Zeit für die Hamas, zur Seite zu treten. Alle sollten ein Mitspracherecht haben, wie Gaza regiert wird.» Die 37-jährige Krankenschwester ist vor wenigen Tagen aus Gaza nach Beit Lahiya zurückgekehrt. Dort hilft sie jetzt, jene Klinik wieder aufzubauen, in der sie vor dem Krieg gearbeitet hatte.
Der Wiederaufbau des Gesundheitssystems im nördlichen Gazastreifen wird denn auch zu einer der grössten Herausforderungen der kommenden Wochen gehören. Ende Dezember hatte das letzte Spital nach einem Angriff der IDF den Betrieb eingestellt. Laut Israel nutzte die Hamas die Klinik als Basis. Weitere Spitäler in Nordgaza waren schon zuvor zerstört oder beschädigt worden. Asmaa Zuhair sagt: «Wir brauchen noch eine Menge medizinischer Ausrüstung, bevor wir die Arbeit wieder aufnehmen können.»
Während ihre gesamte Familie nach Kriegsbeginn in den Süden geflüchtet war, blieb Zuhair im Norden und versorgte die Kranken und Verwundeten, wo sie konnte. In Beit Lahiya mangle es an allem, sagt sie. «Es gibt kein Wasser, keine Elektrizität. Um mein Telefon aufzuladen, muss ich eineinhalb Stunden bis nach Gaza laufen.» Derzeit lebe sie in einem Zelt, in der Nacht friere sie. Trotzdem gibt sie sich vorsichtig optimistisch: «Wir werden Gaza wieder aufbauen, aber das wird nicht passieren, wenn wir untätig herumsitzen. Es wird ein langer und schmerzhafter Prozess sein.»
«Der Krieg scheint eine Konstante zu sein»
Wie viele Menschen am Montag in den nördlichen Gazastreifen zurückgekehrt sind, ist unklar – laut Medienberichten dürften es weit über hunderttausend gewesen sein. Dass eine Rückkehr nun möglich ist, hat derweil nicht nur bei den Palästinensern, sondern auch international Erleichterung ausgelöst. Zuletzt hatten viele Beobachter befürchtet, dass Israel den nördlichen Gazastreifen dauerhaft entvölkern und besetzt halten könnte. Manche israelische Politiker planten bereits die Errichtung von jüdischen Siedlungen in dem Gebiet.
Dies scheint vorerst keine Option mehr zu sein. Dennoch beginnt für die Rückkehrer eine Zeit der Unsicherheit. In der Trümmerlandschaft im nördlichen Gazastreifen dürfte der Alltag beschwerlich sein. Und die Angst, dass die Kämpfe wieder losgehen könnten, bleibt ständig präsent. Kurz vor seiner Reise in den Norden sagte Moayad al-Shafie: «Der Krieg scheint im Gazastreifen eine Konstante zu sein, unvermeidlich wie der Lauf der Zeit.»
Mitarbeit: Enas Tantesh, Malak Tantesh, Amjed Tantesh







