Er hat die Wüste und das Mittelmeer durchquert und sich als Schwarzarbeiter in Süditalien verdingt. Zuletzt hat ihn seine Odyssee bis nach Hollywood geführt. Nun soll der Film, der die Geschichte von Mamadou Kouassi aus Côte d’Ivoire erzählt, in Afrika gezeigt werden – dort, von wo nach wie vor Tausende nach Europa aufbrechen.
Zwei Jugendliche verlassen ihre Heimat in Afrika, um nach Europa zu gelangen. Sie kämpfen sich durch die Wüste, erdulden Polizeigewalt, Willkür und Korruption, müssen mit ansehen, wie unterwegs Schicksalsgenossen entkräftet aufgeben und sterben, bis sie schliesslich in einem Internierungslager in Libyen landen. Die letzte grosse Herausforderung bleibt die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer. Sie haben Glück, werden von Rettern aufgegriffen und gehen in Sizilien an Land.
Ihr Schicksal teilen Tausende von Migranten, die jährlich ihre Herkunftsländer verlassen in der Hoffnung, in Europa ein besseres Leben zu führen. Bereits setzt die nächste Reisewelle ein, Meldungen von Schiffbrüchigen vor Lampedusa und von der derzeit stärker frequentierten Route über die Kanarischen Inseln machen die Runde. Die bevorstehenden wärmeren Monate animieren Migranten aus Afrika und Asien, die grossen Risiken einzugehen.
Der italienische Regisseur Matteo Garrone erzählt von den beiden Teenagern im Film «Io Capitano». Dieser war kürzlich als bester ausländischer Film für die Oscars nominiert, ging aber schliesslich leer aus. Der Film ist ein Perspektivenwechsel, Migration wird nicht aus dem Blickwinkel der Europäer dargestellt, sondern aus dem der Auswanderer.
Traumschlösser
Es ist der Blickwinkel von Mamadou Kouassi und Fofana Amara. Ihre Odyssee hat Garrone zu seinem Werk inspiriert. Im Film heissen die Hauptdarsteller Seydou und Moussa. Garrone hat ihren Leidensweg verfilmt – als wahre Geschichte, sozusagen. Der Teil, der die Strapazen in Afrika darstellt, ist dem Schicksal von Kouassi nachempfunden, die Überfahrt über das Mittelmeer ist die Geschichte von Amara, der heute in Belgien lebt.
Die NZZ trifft Mamadou Kouassi in Caserta, einer mittelgrossen Stadt im Hinterland von Neapel. «Gehen wir in den Park», sagt er bei der Begrüssung am Bahnhof. Er ist noch ein bisschen ausgelaugt, der Jetlag hat ihm zugesetzt. Eben ist er aus Kalifornien zurückgekommen, von der «Oscar-Night». Auf seinem Smartphone zeigt er Fotos von sich im Smoking im Dolby Theater in Los Angeles.
Ja, das sei alles schon ziemlich verrückt, sagt er und meint seinen Weg, der ihn von Côte d’Ivoire bis nach Hollywood geführt hat. Er wirkt dabei so, als habe er gerade zum ersten Mal von seiner eigenen Geschichte erfahren. «Es war ein emotionales Erlebnis, alle waren da, Robert De Niro und all die grosse Namen», sagt Kouassi, «grossartig, dass wir hier vor den Augen der ganzen Welt über Migration reden und ein Bewusstsein für dieses Thema schaffen durften.» Dass der Oscar schliesslich an einen anderen Film ging – «Zone of Interest» – bekümmert ihn nicht. «Die Sache geht auch so weiter», sagt er. Zum Beispiel in Afrika. Doch davon später.
Nicht weit vom Park entfernt leuchtet die Reggia von Caserta. Das absurd grosse Barock-Schloss hat Karl III., König von Neapel und Sizilien, 1751 nach dem Vorbild von Versailles planen lassen; unter seinem Sohn Ferdinand wurde es vollendet, aber kaum je bewohnt. Es ist eine riesige Kulisse, mehr als 1200 Zimmer, dazu eine Gartenanlage von drei Kilometern Länge, die in einen Bergpark übergeht. Eine Art Luftschloss.
Hollywood, die Reggia von Caserta – ist es das, was die Migranten von zu Hause weglockt, nach Europa, Amerika? Anders gesagt: Träume, Illusionen, falsche Vorstellungen vielleicht? Würde er wieder aufbrechen, wenn er wüsste, wie es wirklich ist?
«Schöne Frage», antwortet der heute 40-jährige Kouassi. Als er und sein Cousin sich 2001 auf den Weg Richtung Europa machten, hatten sie nur eine vage Vorstellung davon, was sie erwarten würde. «Jeder hat eine Chance», hätten sie sich gesagt, «packen wir sie!» Heute sei die Informationslage besser, aber die meisten Migranten würden die negativen Aspekte verdrängen, wollten nur die schönen Bilder sehen.
Auch er habe Träume gehabt. In seiner Heimat war er ein begeisterter Fussballer, er hat in Mannschaften in Ghana gespielt und in Côte d’Ivoire, trug die Captain-Binde. Eines Tages in Europa zu spielen, das war sein Ziel, sagt Kouassi, «mein Traum, der mich veranlasst hat wegzugehen».
Was der Film nicht zeigt
Der Film von Garrone zeigt gut die Unbekümmertheit der beiden, ebenso wie die Strapazen und Schrecken der langen Reise durch die Wüste und die brutale Behandlung durch sogenannte libysche Sicherheitskräfte, die sich die Notlage der Migranten zunutze machen, um an deren Geld zu gelangen. «Dass Europa solchen Staaten noch Geld gibt, verstehe ich nicht», sagt Kouassi, «sie behandeln Migranten als reine Handelsware.»
Man hat Garrone vorgeworfen, einen unpolitischen Film gedreht zu haben, ein Heldenepos über die zwei Cousins, mit allzu malerischen Bildern von der Wüste und vom Meer. Was sicher zutrifft, ist die Tatsache, dass der Streifen dort endet, wo für Menschen wie Kouassi ein zweiter schwieriger Kampf beginnt.
Auch Kouassi findet, man müsste eigentlich einen weiteren Film drehen über die Jahre, in welchen er sich in Italien unter widrigsten Umständen irgendwie über Wasser halten musste. Das Regelwerk von Dublin verlangt, dass Migranten in jenem Land bleiben müssen, wo sie ihr erstes Asylgesuch eingereicht haben. Aus der Sicht von Kouassi hiess das: «Du musst dich in Italien durchkämpfen oder hier sterben.» Rückkehr war für ihn keine Option – zu viel Energie, Geld und Kraft hatte er in die Überfahrt investiert und in sein Vorhaben, es in Europa zu schaffen.
Nachdem sein Asylgesuch abgelehnt worden ist, taucht Kouassi deshalb unter. Er reist von Stadt zu Stadt, schlägt sich durch, so gut es geht. Einmal findet er sogar eine Amateur-Fussballmannschaft, mit der er trainieren kann. Ohne Bewilligung kann er aber nicht regulär spielen. Er reist weiter, landet schliesslich als Obdachloser auf den Strassen Roms. Als Matratze dienen ihm Kartons, welche die Abfuhr nicht entsorgt hat.
Freunde raten ihm, nach Neapel zu gehen, dort kommt er bei Landsleuten unter und hat endlich ein Dach über dem Kopf. Jeden Morgen geht er dorthin, wo Gelegenheitsarbeiter gesucht werden, Tagelöhner. «Willst du arbeiten?», fragt man ihn. Er steigt auf die bereitstehenden Lastwagen, wird irgendwohin verfrachtet. Er verarbeitet Tabakpflanzen, erntet Tomaten, Äpfel, Orangen, einmal in der Nähe von Neapel, einmal in Apulien, einmal in Kalabrien.
Fünfzehn oder zwanzig Euro pro Tag schauen dabei für ihn heraus, wenn es gut läuft dreissig. Alles schwarz, ohne Arbeitsvertrag. «Du bist den Arbeitgebern komplett ausgeliefert. Wenn sie nicht zahlen wollen, hast du nichts in der Hand.» Es ist das Geschäftsmodell der lokalen Mafia. Sie kommt zu billigen Arbeitskräften, die sie nach Noten ausbeuten kann.
Die Revolte von Rosarno als Fanal
2010 gerät Kouassi in Kalabrien in die Revolte von Rosarno. Sie rüttelt Italien auf. Hunderte von Migranten setzen sich gegen ihre miese Behandlung zur Wehr. Zwei Tage lang halten die Unruhen an, Einheimische und Migranten bekämpfen sich, es gibt Verletzte. Später verhaftet die Polizei den Boss eines ’Ndrangheta-Clans, der die lokale Früchte- und Gemüseproduktion kontrolliert.
Für Mamadou Kouassi wird Rosarno zum Wendepunkt. Dank einem nach den Unruhen beschlossenen Erlass darf er einen neuen Aufenthaltsantrag stellen. Er erhält schliesslich eine sogenannte «humanitäre» Bewilligung. Sie ist auf ein Jahr befristet, aber Kouassi hat nun endlich Papiere und eine offizielle Identität. Er kann legal eine Wohnung mieten, einen Arbeitsvertrag abschliessen. «Von diesem Punkt an hat alles angefangen.»
Er schreibt sich in einer Sprachschule ein, lernt Italienisch und macht eine Ausbildung zum kulturellen Mediator. Bald ist er es, der neu ankommende Migranten empfängt, übersetzt, ihnen hilft, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Mittlerweile verfügt er über eine normale Aufenthaltsbewilligung. Noch heute arbeitet er in einem privaten Sozialzentrum in Caserta – Hollywood-Glamour hin oder her. Kouassi lebt mit einer Italienerin zusammen und hat zwei Kinder.
Es müsse legale Wege der Einwanderung geben, das ist seine Lehre aus seinem jahrelangen Leben im Dunkeln. Nur so könne man verhindern, dass das Mittelmeer zu einem Friedhof werde. Jeder sollte eine faire Chance haben, während einer definierten Zeit nach Arbeit zu suchen. Auf jeden Fall brauche es ein klares System, so wie in Kanada.
In Caserta fühlt er sich zu Hause, die Stadt und ihre Bewohner haben ihm geholfen, auf die Beine zu kommen. «Zu Hause sein heisst für mich, Teil der Gemeinschaft zu sein», sagt er. Teilnehmen, mitreden, sich einbringen. Phasenweise redet er nun wie ein Staatskunde-Dozent. Afrika könne viel von Europa lernen. Die Meinungsäusserungsfreiheit, das Recht, zu sagen und zu schreiben, was man denke – das seien Werte, die Europa in die Welt tragen müsse und die es zu schützen gelte.
«Hier sprechen Politiker miteinander, manchmal beschimpfen sie sich und sagen sich unschöne Dinge. Und dann ist es wieder vorbei.» In Afrika könne man das nicht, dort greife man sofort zu gewaltsamen Mitteln. In Italien habe die Rechte die letzten Wahlen gewonnen – «was soll’s?», sagt Kouassi, nach fünf Jahren komme halt wieder eine andere Regierung ans Ruder. Ganz friedlich.
Kino-Karawane
Den Oscar hat der Film nicht geholt, aber es geht auch so weiter. Mitte April reisen Regisseur Matteo Garrone und sein Team nach Senegal. Auch Kouassi wird mit von der Partie sein. Geplant ist, den Film in abgelegenen Orten zu zeigen, dort, wo es keine Kinos gibt. Einer Karawane gleich, wird man von Dorf zu Dorf reisen, den Film zeigen und mit den Leuten diskutieren.
Es wird eine Informationstour der besonderen Art werden. «Wir werden über unsere Reise reden, darüber, was wir gesehen und erlebt haben», sagt Kouassi. Und auch von Europa wolle er erzählen, vor allem auch von der schwierigen Zeit nach seiner Ankunft am anderen Ufer des Mittelmeeres, davon, was bevorstehe, wenn man es – vermeintlich – geschafft habe.
Ob er glaubt, dass dies künftige Migranten davon abhalten werde, nach Norden aufzubrechen? Kouassi zuckt mit den Schultern, sagt: «Wenn jemand unbedingt gehen will, kannst du ihn nicht davon abhalten. Aber du kannst ihm immerhin zeigen, was ihn erwartet.» Kein Traumschloss.