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Startseite » Maduro bleibt, sein Volk flieht: Venezuela erlebt einen Massenexodus, der weltweit seinesgleichen sucht
Welt

Maduro bleibt, sein Volk flieht: Venezuela erlebt einen Massenexodus, der weltweit seinesgleichen sucht

MitarbeiterBy MitarbeiterAugust 27, 2024
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Maduro bleibt, sein Volk flieht: Venezuela erlebt einen Massenexodus, der weltweit seinesgleichen sucht

Obwohl in Venezuela kein Krieg herrscht, haben Millionen Venezolaner das Land verlassen und eine der grössten Migrationskrisen weltweit ausgelöst. Diese beeinflusst sogar den amerikanischen Wahlkampf.

Trotz internationaler Kritik und landesweiten Protesten beharrt Venezuelas Präsident Nicolás Maduro darauf, die Wahl am 28. Juli gewonnen zu haben. Dass der Diktator seinen Platz nicht räumt, könnte für viele den letzten Ausschlag geben, das Land zu verlassen – laut einer Umfrage vom Juni erwägen bis zu fünf Millionen Menschen die Flucht, falls Maduro nicht zurücktritt.

Bereits jetzt erlebt das lateinamerikanische Land einen Massenexodus: Seit Nicolás Maduros Amtsantritt im Jahr 2013 haben laut der Uno-Flüchtlingskoordinationsstelle für Venezuela (R4V) 7,7 Millionen Venezolaner ihre Heimat verlassen, was etwa einem Viertel der Gesamtbevölkerung entspricht. Damit sind inzwischen mehr Menschen aus Venezuela geflohen als aus Syrien und der Ukraine, wo Kriege toben.

Laut den Encovi-Studien, die seit 2017 in Zusammenarbeit mit dem UNHCR die Lebensbedingungen venezolanischer Auswanderer untersuchen, fliehen die Menschen aus dem einst wohlhabenden Ölstaat vor allem wegen der katastrophalen Wirtschaftslage. Die Inflation war in den letzten Jahren immer wieder die höchste weltweit, über die Hälfte der Bevölkerung in Venezuela lebt in extremer Armut, und die zunehmende politische Repression verschärft die Situation zusätzlich.

Dem Land liefen in den letzten Jahren entsprechend Millionen von Männern und Frauen im erwerbsfähigen Alter davon.

Zuerst wanderten noch mehr besser Gebildete aus, gemäss den Encovi-Zahlen emigrieren inzwischen aber grösstenteils Menschen mit höchstens einer Sekundarausbildung. Auch für diese sind die Perspektiven im Ausland besser als im Heimatland.

Die Nachbarn nehmen am meisten auf

Die instabile Lage in Venezuela treibt besonders die Nachbarstaaten um. Allein Kolumbien hat in den letzten zehn Jahren fast drei Millionen Migranten aus Venezuela aufgenommen, und weitere drei Millionen Venezolaner haben Zuflucht in Peru, Brasilien und Chile gefunden.

Die USA und die ehemalige Kolonialmacht Spanien sind Hauptzielländer ausserhalb Lateinamerikas, wobei vor allem gut ausgebildete Venezolaner in diese Länder emigrieren. Laut Zahlen der letztjährigen Encovi-Studie geben 56 Prozent der Venezolaner in Spanien und den USA an, über einen universitären Abschluss zu verfügen.

Anders ist das in den lateinamerikanischen Nachbarländern, wo vor allem weniger gut ausgebildete Venezolaner Zuflucht gefunden haben. Die Nachbarländer nahmen diese zunächst weitgehend solidarisch auf. Mit dem Beginn der Corona-Krise 2020 verschlechterte sich ihre Lage allerdings dramatisch. Viele verloren ihre Arbeit und den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen. Auch fremdenfeindliche Angriffe nahmen zu, da die Auswanderer für die Verbreitung des Virus auf dem Kontinent verantwortlich gemacht wurden.

Migration ist in den USA ein heisses Thema im Wahlkampf

Ein Teil der venezolanischen Auswanderer zog deshalb weiter in Richtung USA, doch Visabeschränkungen in Mexiko und anderen mittelamerikanischen Ländern erschwerten den legalen Weg nach Norden erheblich. Dies führte dazu, dass sich die Zahl der Migranten, die den gefährlichen Darién-Dschungel zwischen Kolumbien und Panama durchquerten, verdreifachte. Allein im Jahr 2023 wagten über 500 000 Menschen diese gefährliche und teure Route. In den letzten zwei Jahren stammte die Mehrheit dieser Migranten aus Venezuela.

Der Zustrom erreichte nicht nur die amerikanische Südgrenze zu Mexiko, sondern war in grossen Städten wie New York, Chicago und Washington (DC) spürbar. Auch dort stiessen Sicherheitskräfte, Notunterkünfte und Hilfsdienste bald an ihre Kapazitätsgrenzen, was in den USA eine politische Krise auslöste.

Die Republikaner machen die Politik von Joe Biden und seiner Vizepräsidentin Kamala Harris für den Anstieg der Migrationszahlen verantwortlich. Sie argumentieren, dass die Legalisierung und der erleichterte Zugang zu legalen Migrationswegen für Venezolaner zusätzliche Anreize für weitere Migration schafften.

Die amerikanische Regierung erleichterte Venezolanern, die sich bereits im Land befanden, mehrmals den Zugang zum Arbeitsmarkt und erstreckte Aufenthaltsgenehmigungen. Im Oktober 2o22 schlossen die USA mit Mexiko allerdings auch ein Rückführungsabkommen für illegal Eingewanderte ab, das unter anderem vorsah, dass höchstens 30 000 Venezolaner pro Monat in die USA einreisen können, ohne abgeschoben zu werden. Gleichwohl stieg die Zahl der Migranten, die die amerikanischen Grenzen überqueren wollten, im vergangenen Jahr auf einen neuen Höchststand.

Die Republikaner hingegen befürworten eine harte Abschreckungspolitik, dazu gehört die Fertigstellung der einst von Donald Trump versprochenen Grenzmauer ebenso wie dessen Ankündigung von Massendeportationen. Allerdings weigert sich das Maduro-Regime in Venezuela seit Jahren, ausgewanderte Staatsbürger zurückzunehmen.

Weniger Illegale, aber vor allem weniger Eingewanderte

Angesichts des ungebrochenen Stroms venezolanischer Auswanderer setzen auch andere Zielländer wie Peru, Chile oder Spanien darauf, diese aus der Illegalität zu holen. Damit sollen sich die Migranten schneller im Arbeitsmarkt etablieren, unsichere Lebensverhältnisse überwinden und weniger auf staatliche oder humanitäre Unterstützung angewiesen sein.

In den USA und in Spanien hat knapp die Hälfte der Migranten aus Venezuela entweder eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis oder sogar die Staatsbürgerschaft. In den meisten Hauptzielländern lebt gleichwohl eine Mehrheit der Venezolaner noch immer illegal, in einem befristeten oder ungeklärten Aufenthaltsstatus.

Nach den Ereignissen rund um die Präsidentschaftswahl Ende Juli dürfte sich die Situation noch zuspitzen. Schon jetzt melden die Nachbarländer Venezuelas täglich Tausende Grenzübertritte. Chiles Präsident Gabriel Boric forderte bereits, dass die betroffenen Länder Aufnahmequoten vereinbaren, um eine Notlage zu vermeiden.

Auch Joe Biden hat inzwischen reagiert. Anfang August kündigte der scheidende amerikanische Präsident an, die erleichterte Aufnahme von venezolanischen Migranten vorübergehend auszusetzen.

Damit reagierte Biden auf Maduros Sturheit, im Amt zu bleiben. Gleichzeitig stehen von August bis Oktober die Monate bevor, in denen erfahrungsgemäss die meisten Grenzüberquerungen in Richtung der USA stattfinden – pünktlich zur heissen Phase im amerikanischen Wahlkampf, in dem die Migration an der Südgrenze eine wichtige Rolle spielen wird.

Julia Monn: Text und Daten
Olivia Meyer und Cian Jochem: Karte und Illustration

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